Studienfahrt Dolch/Eilers Berlin
Aus Gyneu
Eine Reise nach Berlin
Auf den Spuren der deutschen Geschichte…
13.08. 1961: Mauerbau in Berlin. An diesem Tag wurde nicht nur eine Stadt geteilt, sondern eine ganze Nation gespalten. Gleichzeitig war die Mauer aber auch ein Symbol für die Spaltung der Welt. An welchem Ort kann man heute noch die Spannungen des Ost-West-Konflikts so gut nachvollziehen wie in Berlin? Schließlich haben die 28 Jahre der Teilung ihre Spuren deutlich hinterlassen.
Wir, der Neigungskurs Geschichte von Herrn Dolch, wollten diesen Spuren nachgehen, um besser verstehen zu können, was in unserem Unterricht eine wichtige Rolle spielt. Da Berlin in der deutschen Geschichte allgemein sehr wichtig ist und auch kulturell einiges zu bieten hat, wurden wir von Herrn Eilers und einem Teil seines Deutschkurses unterstützt.
So kam es dazu, dass sich am Sonntagmorgen, dem 4. Juli 2010, um 8 Uhr 17 Schüler/innen und zwei Lehrer des Gymnasiums Neureut pünktlich am Karlsruher Hauptbahnhof einfanden, um ihre Studienfahrt nach Berlin anzutreten.
Nach einer etwa sechsstündigen Zugfahrt und dem Bezug unserer Zimmer im Hostel (mit dem passenden Namen three little pigs!) gaben wir uns bei angenehmen 36° C mit einer ersten Erkundungstour zum nahegelegenen Potsdamer Platz zufrieden, um am nächsten Tag unseren ersten großen Programmpunkt anzutreten. Da einige unter uns einen erholsamen Schlaf gegen das Berliner Nachtleben getauscht hatten, begann unser erster Morgen in Berlin etwas verschlafen. Nichtsdestotrotz erreichten wir unser Ziel, das Stasi-Gefängnis Hohenschönhausen einigermaßen pünktlich.
Hohenschönhausen
Dort wurden wir von Herr Klaus-Dieter Walter in Empfang genommen, der uns durch das Gefängnis führen sollte. Ehemals in diesem Stasi-Gefängnis inhaftiert, konnte er uns einen sehr genauen, bildhaften Einblick in die menschenunwürdigen Zustände geben, die dort geherrscht hatten. Er selbst war 1960 vom Ministerium für Staatssicherheit verhaftet worden, da er zu den DDR-Bürgern zählte, die die Wiedervereinigung vorantreiben wollten, indem sie für freie und geheime Wahlen und einen Austausch zwischen Ost und West einstanden. Von seinen eigenen Lehrern verraten, wurde er quasi direkt von der Schulbank entführt und nach acht Monaten Untersuchungshaft wegen Verbindungsaufnahme zu verbrecherischen Organisationen, staatsgefährdender Propaganda und Hetze und Organisation einer konterrevolutionären Gruppe zu zweieinhalb Jahren Haft verurteilt.
Rehabilitiert wurde er 1991. Er wurde zu einem Gründungsmitglied des Dokumentationszentrums zur Aufklärung von SED-Verbrechen in Berlin.
Sofort als wir das Gelände betraten, fühlten wir uns aufgrund der großen, düsteren Mauern bedrängt und gefangen. Diese Gefühle wurden verstärkt, da der erste Weg der Führung in das sogenannte „U-Boot“ führte. Dies ist ein unterirdischer Trakt aus Zellen, die teilweise völlig ohne Tageslicht sind. Diese Zellen werden auch als Dunkelzellen bezeichnet.
So wie die Gefangenen kein Tageslicht bekamen, war der Außenwelt nicht wirklich bekannt, was an diesem Ort vor sich ging. Man wusste nicht einmal, dass es dieses Gefängnis überhaupt gab. In Landkarten war das Gebiet nur als weißer Fleck zu erkennen, der Stadtteil war für die Menschen verboten. Die Stasi hatte das Gebiet zum großen Teil nur übernommen, wenige Gebäude sind von ihr selbst erbaut. Bevor die Stasi dort „einzog“, war es ein Gefängnis für politische Häftlinge und Kriegsgefangene der sowjetischen Besatzer. Zu diesen Zeiten wurden auch noch diverse perfide Foltermethoden angewandt. Menschenunwürdige Szenarien wie Wasserfolter und das „Einmauern“ zwischen zwei Wänden waren an der Tagesordnung. Zu Stasi-Zeiten wurden diese Methoden dann abgeschafft.
In dem unterirdischen U-Boot Trakt fühlte man sich sofort beklommen und konnte förmlich selbst die stickige Luft spüren, die hier einst geherrscht haben muss. Doch die Unmenschlichkeit konnte noch gesteigert werden. Bis zu acht Menschen wurden in eine kleine Zelle gesperrt; die hygienischen Bedingungen waren extrem schlecht. Als Toilette diente ein einfacher Eimer. Folgen waren starke Aggressivität und auch Gewalt unter den Häftlingen, sowie sämtliche Arten von Infektionen. Teilweise herrschte in den Zellen extreme Hitze oder extreme Kälte. Trotz der Abschaffung der körperlichen Folter wurden die Bedingungen im Gefängnis nicht besser. Von Herr Walter mussten wir erfahren, dass die Stasi sich auf psychische Folter spezialisiert hatte um „die Seele der Häftlinge zu zerstören“. Durch die eintönig gelblich-grau gestrichenen Wände sollten gezielt Depressionen hervorgerufen werden. Diese Wirkung ging selbst noch heute nicht spurlos an uns vorüber.
Sobald man als Gefangener auch nur einen Fuß in das Gefängnis setzte, verlor man augenblicklich seine Identität, seine Persönlichkeit. Man wurde nicht mehr mit seinem Namen, sondern nur noch mit seiner Häftlingsnummer angesprochen. Die Wachen konnte man nicht sehen, sie standen hinter einem und schrien bei den kleinsten Vergehen los.
Nach der Festnahme wurde man stundenlang durch Berlin gefahren, keiner wusste mehr, wo er war oder was mit ihm geschah. Verstärkt wurden diese seelischen Qualen auch durch gefälschte Schreckensmeldungen aus der eigenen Familie. Man war der Stasi völlig ausgeliefert. Eine Situation, bei der es einem noch heute kalt den Rücken hinunter läuft.
Nach der Besichtigung des U-Boots wurden wir von Klaus-Dieter Walter weiter in die so genannten „Tigerkäfige“ gebracht. Hierbei handelt es sich um Freiluftzellen in die die Gefangenen der Dunkelzellen ab und zu unter strengster Bewachung gebracht wurden. Man fühlte sich selbst, auch ohne Wachen, völlig schutzlos und ausgeliefert. Was für uns schon in der kurzen Zeit wie starke Freiheitsberaubung wirkte, war für die Häftlinge fast schon eine Wohltat. Von einem Sonnenstrahl oder Vogelgezwitscher zehrten die Gefangenen oft Tage und Wochen.
Auch als es weiter in den Vernehmungstrakt ging, fühlte man sich angesichts der endlos erscheinenden Gänge genauso hilflos und ausgeliefert. Die Vernehmung war die einzige Gelegenheit, bei der die Gefangenen wieder mit Namen angesprochen wurden. Doch auch nach den Vernehmungen erfuhr man nichts über sein weiteres Schicksal. Man musste „still und gehorsam“ Fragen über sich ergehen lassen und wurde bei „falschen“ Antworten geschlagen. Selbst nach der Entlassung war man nicht mehr frei. Man wurde weiterhin überwacht, musste sich dazu verpflichten, nichts über die Haft zu erzählen und es wurde verboten selbst über seine weitere Zukunft zu bestimmen.
Schließlich waren Parolen wie „die Stasi irrt sich nie“, „Feind ist wer nicht so denkt wie wir“ kennzeichnend für das Stasi-Regime. Wer einmal in die Mühlen ihrer diktatorischen Justiz geraten war, konnte sich daraus nicht mehr befreien.
Durch die ganze Führung hindurch wirkt Klaus-Dieter Walter gefasst, er erzählt, als ob er die Geschichte nicht noch einmal an sich heranlassen will. Trotzdem kann man erahnen, was er in den zweieinhalb Jahren seiner Haft erlitten haben muss. Zuletzt aber erkennt man sehr deutlich, wie er sich heute fühlt. Seit seiner Rehabilitierung sieht er sich als „Sieger der Geschichte“, wie er selbst sagt. Er ist nicht mehr der Verlierer, der ehemals eingeschüchtert auf dem Verhörstuhl saß. Heute triumphiert er über das damalige SED-Regime. Ein System, in dem vollkommen willkürlich unschuldige Menschen hinter Gitter gebracht wurden.
Nach dem Ende unserer Führung nahmen wir alle prägende Eindrücke mit, die wir wohl so schnell nicht vergessen werden.
Am Nachmittag durften dann Sehenswürdigkeiten wie der Check Point Charlie und das Mauermuseum natürlich auch nicht fehlen, bevor wir uns am Abend auf eine dreistündige Spreefahrt begaben.
Story of Belin
Am Dienstagmorgen führte uns unser Weg weiter zum Kudamm. Jedoch, wider Erwarten, nicht zu einer verfrühten Shoppingtour, sondern in das „Story of Berlin“ Museum; ein Museum, das die Stadtgeschichte von der Stadtgründung bis zur Wiedervereinigung sehr präzise und interessant darstellt.
Den Anfang bildete die Führung durch einen Atomschutzbunker. Dieser wäre bei einem möglichen Atomangriff in der Lage gewesen über 3000 Personen für jeweils 14 Tage vor der radioaktiven Strahlung zu schützen. In dem Bunker hätten die Menschen unter extremsten Bedingungen ausharren müssen. Als Betten dienten einfache Pritschen von denen jeweils vier übereinander angebracht waren. Essenstechnisch musste man sich sehr einschränken. Es gab nur Wasser und Dosennahrung, die Rationen waren sehr beschränkt. Außerdem waren aufgrund der akuten Selbstmordgefahr strengste Vorkehrungen in allen Bereichen geschaffen. Schließlich muss man bedenken, um was für eine Ausnahmesituation es sich gehandelt hätte, wenn wirklich der Notfall eingetroffen wäre und so viel Menschen zwei Wochen lang auf so engem Raum zusammengelebt hätten. So waren wir froh, als wir die düstere und stickige Atmosphäre des Bunkers wieder verlassen konnten.
Dann ging es in das eigentliche Museum. In 23 verschiedenen Themenräumen wurde die Geschichte Berlins von der Ersterwähnung 1237 bis heute auf verschiedenste Weise visualisiert. So waren z.B. die Uniformen preußischer Soldaten ausgestellt und man konnte nachgebildete Wohnzimmer aus Ost- und Westberlin betreten und den direkten Vergleich ziehen.
Am Nachmittag machten wir einen Abstecher zum Brandenburger Tor, bevor wir uns schließlich zum Reichstag begaben. Dort war ein Treffen mit dem Karlsruher Bundestagsabgeordneten Ingo Wellenreuter geplant, der aus beruflichen Gründen aber verhindert war. Wir nahmen deshalb mit einer seiner Referentinnen vorlieb, die uns ihren Arbeitsalltag erläuterte. Danach war bei den meisten sogar noch genug Elan vorhanden um die Reichstagskuppel zu erklimmen. Um die Besichtigung abzurunden, konnten wir noch einen Blick in den Plenarsaal werfen und bekamen dabei die Arbeitsweise des Bundestages erklärt.
Holocaust - Gedenkstätte
Nachdem sich die Wege am Abend wieder getrennt hatten, fanden wir uns am nächsten Morgen zu einer letzten Besichtigungsrunde zusammen. Wir begannen mit einer Besichtigung des Holocaust-Stelenfeldes und besuchten dann, um einige Gruppenmitglieder erleichtert das Pergamon Museum.
Der Nachmittag und der nächste Morgen stand allen zur freien Verfügung, wobei wir uns alle entschlossen am Mittwochabend die Fanmeile unsicher zu machen. Schließlich mussten wir selbst auf der Studienfahrt unsere WM-Jungs unterstützen und außerdem stellte sich die Fanmeile, trotz des verlorenen Spieles, für uns als wirklich einmaliges Erlebnis heraus.
Am Donnerstagnachmittag traten wir schließlich nach fünf ereignisreichen Tagen die Heimreise an. Während wir noch eine sechsstündige Zugfahrt hinter uns bringen mussten (zu unserem Glück noch mit funktionierender Klimaanlage!), kreisten die Gedanken der meisten wohl schon um den Schlaf im heimischen Bett. Der eine oder andere behauptete sogar steif und fest „20 Stunden Schlaf“ nachholen zu müssen.
Alles in allem hatten wir alle eine interessante, spannende und erlebnisreiche Zeit in Berlin und bedanken uns bei Herrn Dolch und Herr Eilers für die Planung, Organisation und Durchführung unserer Studienfahrt, die wir alle in guter Erinnerung behalten werden. Mit Sicherheit wird der eine oder andere sobald wie möglich nach Berlin zurückkehren.
Saskia Franz und Lena Merkle, Kl. 12