Besuch der Holocaust-Zeitzeugin Meyer-Moses

Aus Gyneu

Frau Meyer-Moses, jüdische Zeitzeugin des Nationalsozialismus und des Holocaust, am Gymnasium Neureut

Die 10. Klassenstufe bedankt sich bei Frau Meyer-Moses

Am 19. Oktober 2007 kam Frau Meyer-Moses dank des Engagements unseres Geschichtslehrers Herr Dolch ans Gymnasium Neureut und berichtete allen 10. Klassen über ihre Erlebnisse und Eindrücke in der Zeit des Nationalsozialismus. Es war sehr informativ und spannend, zumal man dieses Thema in der 10. Klasse behandelt.
Als eine der wenigen überlebenden Juden aus Karlsruhe wurde sie von der Stadt bereits 1988 eingeladen und aufgefordert, an Schulen und öffentlichen Bildungsstätten über ihre Vergangenheit zu erzählen.

Hanna Meyer-Moses wurde 1927 als Kind einer jüdischen Händlerfamilie in Karlsruhe-Durlach geboren. 1929 kam ihre jüngere Schwester zur Welt. Die Familie führte ein glückliches und unbeschwertes Leben, bis sich 1933 die politische Lage für Juden durch Hitlers Machtübernahme schlagartig änderte.

1934 kam sie in die 1. Klasse der Seminarschule. Beeindruckend war für sie, dass der Rektor die Schüler in SA-Uniform begrüßte. Jeden Morgen gab es eine Flaggenparade, bei der eine Hitlerfahne gehisst wurde und man mit erhobener Hand das Deutschlandlied sang. Bis zu den Herbstferien durften dieser Flaggenparade alle Schüler beiwohnen. Danach mussten die jüdischen Kinder in den Klassenzimmern warten, was sie jedoch nie schlimm fanden, denn die Paraden waren sehr nervenaufreibend. Als sie 1935 in die 2. Klasse kam, wurden die Nürnberger Gesetze veröffentlicht. Deshalb mussten alle Juden (Schüler und Lehrer) auf so genannte Judenschulen gehen.

Als 1938 ein jüdischer Pole einen Botschafter in Paris erschoss, war dies der endgültige Auslöser für den Boykott gegen Juden. Diese Tatsache wurde ihr klar, als sie am 09.11.1938 wie jeden Morgen in die Schule gehen wollte. Wie gewohnt holte sie ihre Freundin auf dem Weg ab, doch deren Mutter berichtete ihr, dass die Synagoge in der Kronenstraße brenne. Es wurden viele jüdische Lehrer und Väter verhaftet. Die Angehörigen dieser Verhafteten wendeten sich hoffnungsvoll an Hannas Vater, der ein angesehenes Haupt der jüdischen Gemeinde war. Jedoch konnte man nur wieder freigelassen werden, wenn man ein Auswanderungszertifikat hatte. Die Familie Moses bekam ein solches Zertifikat, gab es aber einer anderen Familie, um ihnen eine Chance zu geben. 1939 bekamen die Moses’ erneut ein Zertifikat. Jedoch war der Krieg bereits ausgebrochen und keiner durfte mehr das Land verlassen.

Zu der Zeit lebten sie in der Karlstraße über einer Bäckerei. Weil Karlsruhe ein Randgebiet zu Frankreich war, herrschte Bombengefahr. Die Bevölkerung musste nun des Öfteren in Luftschutzbunker, aber Juden waren diese untersagt. Doch glücklicherweise gewährte der Bäcker ihnen in seiner Backstube Zuflucht, während die "Arier" im Luftschutzbunker geschützt waren - was für ihn selbst ein großes Wagnis war. Es wurden bald Rationalisierungskarten ausgeteilt, wobei die Juden stets weniger erhielten als die „richtigen Deutschen“.

Im Herbst 1940 hatten alle jüdischen Kinder Ferien. Am Morgen des 22.10.1940 klingelte es an der Tür, die Mädchen schliefen noch und der Vater lag mit einer Fußwurzelentzündung im Bett. Als die Mutter die Tür öffnete, standen zwei Gestapobeamte vor ihr und eröffneten ihr, dass sie eine Reise vornehmen würden. Auf Nachfrage, wohin die Reise gehe und wie lange sie dauern würde, gab es keine Antwort. Ihr wurde gesagt, sie sollten nur so viel einpacken, wie jeder tragen könne, sowie 100 Reichsmark pro Person. Aus Krankheitsgründen hätte der Vater auch daheim bleiben können, jedoch entschloss er sich dagegen und begleitete seine Familie mit auf die ungewisse Reise. Die mitgenommenen Lebensmittel gingen schon auf der Fahrt mit der Straßenbahn zum Bahnhof kaputt, obwohl sie genau diese so nötig gehabt hätten. Am Bahnhof angekommen saßen dort schon viele befreundete jüdische Familien. Die Züge standen bereit und sie wurden von SA-Soldaten überwacht. Jedoch mussten die Menschen nicht in Viehwägen reisen, wie oft fälschlicherweise erzählt wird, sondern durften in einfachen 3.Klasse-Zügen fahren.

Der Zug setzte sich Richtung Süden in Bewegung; am nächsten Morgen kamen sie um 7 Uhr morgens in Mühlhausen an und eine Durchsage erklang: Wenn jemand den Zug verlasse, würde er erschossen. Am nächsten Tag hielt der Zug mitten auf einem Feld. Alle mussten die Rollos runterlassen; als sie weiterfuhren, nach Lyon (Frankreich), bemerkten sie, dass die Bewacher ausgestiegen waren. Bei ihrer Ankunft in Lyon wollte eine fremde Frau, aus dem Zug, ihre Schwester besuchen. Sie stieg aus und, wie Frau Meyer-Moses viele Jahre später erfuhr, diese Frau überlebte und wanderte nach Amerika aus. Der Zug fuhr weiter und sie machten Halt in Toulouse. Dort sahen viele zum ersten Mal das Meer, darunter auch Frau Meyer-Moses. Sie fuhren wieder zurück in einen Provinzort. Dort angekommen wurden sie von Lastwägen abtransportiert und in ein Lager in Südfrankreich (nahe Vichy) einquartiert. Dieses Lager war in 13 Blocks aufgeteilt (8 für Männer, 5 für Frauen) und mit Stacheldraht umzäunt. Jeder Block hatte 26 Baracken und in jede Baracke passten 60 Menschen. Mit den 7000 Menschen war das Lager völlig überfüllt. Es gab anfangs keinen Teppich, nicht einmal Stroh zum Schlafen. Morgens gab es eine Art Kaffee (schwarze Brühe), für jeden 250g Brot pro Tag, mittags und abends eine Schüssel Suppe und einen Knochen, den man „heutzutage nicht einmal mehr Hunden verfüttern würde“. Egal, ob Säugling, alt oder krank, jedem das Gleiche. Die hygienischen Verhältnisse waren miserabel und so brach bald die Ruhr [eine Krankheit] aus. Da es keine medizinische Versorgung gab, starben viele Menschen und es musste bald ein Friedhof gebaut werden. Doch zum Glück gab es später Hilfswerke und die Mutter setzte sich dafür ein, ihre Kinder fortzuschicken.

Nun wurden 50 Kinder in staatliche Waisenhäuser gebracht, zu denen auch die Kinder der Familie Moses gehörten. Dort wurden sie anfangs von den französischen Kindern als „sabôche“ beschimpft, weil sie kein Französisch konnten. Sie erhielten primitiven Französischunterricht und genossen eine strenge, aber reinliche Erziehung. Die Mädchen wurden in ein separates Mädchenheim verlegt und durften auf dem Weg dorthin zum letzten Mal ihre Eltern in Toulouse besuchen. Später erfuhr Frau Meyer-Moses, dass ihre Eltern nur kurze Zeit später ins Konzentrationslager nach Auschwitz kamen. Einige sechzehnjährige Mädchen wurden abgeholt und deportiert.

Um die jüngeren Mädchen zu schützen, wurden Hanna und ihrer Schwester neue Identitäten gegeben. Sie sollten eigentlich von Grenoble aus in die Schweiz gelangen, aber die Grenzen wurden geschlossen und so mussten sie unauffällig in Grenoble bleiben. Hanna und ihre Schwester kamen in eine wohlhabende französische Familie. Sie dachten, als Kinder in die Großfamilie integriert zu werden, wurden dort aber als Putz- und Kochkräfte ausgenutzt. Frau Meyer-Moses konnte damals noch gar nicht kochen und da so wenige Lebensmittel vorhanden waren, kochten sie Brühe aus Brennnesseln.

Ein Anruf aus Grenoble kündigte ihnen an, dass sie und eine andere Gruppe jugendlicher Flüchtlinge wieder abgeholt werden würden. Sie wurden von einer katholischen Pfadfinderin in ein Grenzdorf nahe der Schweiz gebracht. Auf dem Weg dorthin wurde jedem von ihnen eine Phantasiegeschichte erzählt, die sie im Falle einer Kontrolle zu erzählen hatten. Einige Zeit lebten sie im Garten eines Pfarrers versteckt und eines Nachts flohen sie über einen Bach in die Schweiz. Dort sollten sie mit der Straßenbahn nach Genf fahren und sich beim nächsten katholischen Pfarramt melden. Doch in der Finsternis verloren sie die Orientierung. So wurden sie zum Polizeipräsidium geschickt, wo sie ihre Phantasiegeschichten dem Polizisten erzählen mussten. Jahre später fand Frau Meyer-Moses die Aufzeichnung ihrer Lügengeschichte in einem Archiv wieder.

Daraufhin wurden sie frühmorgens nach Genf gebracht. In der schweizerischen Stadt nahm sie eine Familie auf, mit der Begründung, Jesus sei auch ein Jude gewesen. Die Familie ermöglichte es den beiden Mädchen wieder in die Schule zu gehen, auch Hanna, die bereits 16 war und eigentlich mit ihrer Ausbildung fertig sein sollte.

In Bern, wo sie später als medizinische Sekretärin arbeitete, lernte sie auch ihren Mann kennen und bekam drei Kinder.
Im Sommer 1979 machte sie mit ihrem Mann eine 3000km lange Reise durch Frankreich, in ihre Vergangenheit. Erst nach dieser Reise konnte Frau Meyer-Moses über ihre Erlebnisse schreiben und berichten. Ihre Schwester wanderte nach Israel aus, wo sie unter anderem noch immer für Amnesty International tätig ist.

Heute lebt Hanna Meyer-Moses mit ihrer Familie in Zürich. Nach 26 Jahren kam sie erstmals wieder nach Karlsruhe zurück, da ihre jüngste Tochter sehen wollte, wo sie einst gelebt hatte.

Wir danken Frau Meyer-Moses für ihr Kommen und den lehrreichen und interessanten Vortrag, es war ein besonderer Einblick in die Vergangenheit, den man so sonst nie gehabt hätte.


Kathrin Pfisterer, Lena Reuter, Helen Glutsch (10b)

Karlsruhe, 19.11.2007; Fach Geschichte / Herr Dolch, Klassen 10 abc

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